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Die nackte Frau im StadtparkEin Spaziergang eines Sommertages im Hamburger Stadtpark bescherte mir eine mehr als ungewöhnliche Begegnung. Leicht und fröhlich und ein wenig aufgekratzt – ich hatte gerade eine spürbare Gehaltserhöhung bekommen – schlenderte ich durch die Anlagen, durch die ich nach Feierabend fast jeden Spätnachmittag nach Hause eilte. Der Park war wie immer belebt von Frauen, die Kinderwagen schoben, Pärchen, Kindern, die herumtollten und einzelnen Männern und Frauen, die mehr oder weniger zielstrebig ihres Weges gingen. Ich schlenderte gerade durch einen relativ schmalen, von dichten Rhododendronbüschen umgebenen Weg und sah nach einer kleinen Biegung eine junge Frau auf mich zukommen. Sie trug einen hellen Trenchcoatmantel, der ihr bis zum Knie reichte, und sie hatte beide Hände tief in den Taschen vergraben. An und für sich schien mir das nicht auffällig, und ich war auch nicht wie sonst darauf bedacht, diese auf mich zu schlendernde Frau ausführlich zu fixieren. Hatte ich doch schon von weitem bemerkt, dass sie eigentlich „nicht mein Typ“ war – kurze, schwarze Stoppelhaare und offensichtlich auch mit ein klein wenig zu viel an Gewicht, wenn auch nicht unbedingt als unförmig zu bezeichnen. So versuchte ich also, möglichst uninteressiert zu wirken und blickte demonstrativ an ihr vorbei, über sie hinweg. Doch plötzlich – sie war vielleicht noch zehn Meter von mir entfernt – begann sie laut eine bekannte Schlagermelodie zu pfeifen. Laut und gekonnt, wie ich bemerkte. „Er gehört zu mir“, ja, das war die Melodie, einst oder noch immer von Marianne Rosenberg gesungen. So blieb es nicht aus, dass ich unwillkürlich das tat, was ich ja hatte vermeiden wollen – ich sah sie an, musterte sie sogar und bemerkte dann ihr doch recht hübsches, freundlich lächelndes Gesicht und die strahlend blauen Augen, mit denen sie mich keck ansah.Die Fremde ging jetzt – eindeutig absichtlich – langsamer, während ich meinen Gang wie gewohnt fortsetzte, ein wenig verlegen, vielleicht auch etwas ängstlich. Denn hinter mir – wie es ein schneller Rück-Blick bestätigte – und hinter der unbekannten Frau, sah ich keinen Menschen. Die Möglichkeit, auch am helllichten Tag hier Opfer eines Überfalls zu werden, war also durchaus gegeben. Wir kamen uns langsam näher, und als die junge Frau so circa fünf Meter von mir entfernt war, schlug sie mit den Händen in den Taschen ihren Mantel zurück und bot mir den Anblick einer reifen, etwas fülligen doch durchaus wohlproportionierten und – völlig nackten Frau. Man wird sich denken können, dass ich völlig perplex war, erschrocken einer Situation gegenüberstand, von der man sonst nur in umgekehrtem Verhältnis gelesen oder gehört hatte. Naja, vergewaltigen wird sie, kann sie mich ja wohl kaum. Doch trotz dieser Erkenntnis erhöhte sich dadurch schlagartig auch mein Angstgefühl. Das konnte doch nichts Gutes bedeuten, und so setzte ich an, ganz schnell an der Frau vorbei zu eilen, mich nicht ablenken zu lassen, um nicht Opfer irgendeiner finsteren Sache zu werden. Sie lachte laut auf, als ich an ihr vorbei eilte, hatte ich doch den Blick auf ihre nun beim Nahen besehen doch recht ansprechende Figur gerichtet – denn jung war sie, erregend frisch, erotisch. Sie lachte weiter und hielt immer noch den Mantel offen und rief mir zu, als ich an ihr fast vorbei rannte: „Du wirst mir gehören, denn du wirst wieder kommen.“ Sprach’s, schlug den Mantel wieder zusammen und ging ruhig weiter, als wäre nichts geschehen. Das sah ich, als ich mich nach einer kleinen Weile umdrehte und sie, mit kleinen Steinchen herumkickend, locker und offensichtlich fröhlich weiterschlendern sah. Von weitem hörte ich noch ihr Lachen. Dieser Vorgang kam mir am nächsten Tag nicht mehr aus dem Sinn, klar dass ich auch meinen Kollegen davon erzählte – doch so richtig glauben wollte mir keiner. „Das macht doch keine Frau“ war noch die harmloseste Anmerkung, ansonsten wedelte man meistens mit der Hand vorm Gesicht herum und gab somit kund, dass man mir schlichtweg nicht glaubte. Mit gemischten Gefühlen machte ich mich gegen Abend wieder auf den Weg nach Haus – sollte ich den Park diesmal meiden und einen Unweg machen, oder konnte ich damit rechnen, dass ich am Tag zuvor einen Jux erlebt hatte, es sich nicht wiederholte? Klar eigentlich, das war’s wohl, Spaß einer übermütigen, nicht in mich – doch wohl ansonsten verliebten Frau. Und so ging ich zur fast gleichen Zeit wie jeden Tag, wieder durch den Park. Doch so ganz unbefangen war ich heute nun doch nicht und sah mich immer wieder verstohlen um. Und richtig, da war sie tatsächlich wieder – ich erkannte sie schon von weitem an ihrem hellen Trenchcoat. Doch diesmal konnte mir – wenn’s denn Absicht hätte sein sollen – wohl nichts dergleichen wie gestern oder gar Gefährliches passieren. Denn wir beide schlenderten auf dem doch ziemlich belebten Hauptweg aufeinander zu. Doch schon ziemlich schnell bemerkte ich, dass sie wieder mich als „Opfer“ auserkoren hatte. Denn wie immer ich auch meine Schritte nach rechts oder links lenkte – immer sah ich, dass sie auf die gleiche Seite zusteuerte. Nun denn, was soll’s. Und so blieb ich schließlich nur noch auf einer Seite des Weges und ging weiter. Allerdings wurden meine Schritte deutlich langsamer. Immer näher kamen wir aufeinander zu, und es war nun nicht mehr anders zu deuten: Sie meinte wieder mich, fesselte mich mit dem Blick ihrer blauen Augen, ließ mich so nicht mehr los. So blieb es nicht aus, dass wir bald keinen anderen der Parkbesucher mehr zwischen uns hatten – „Sie wird doch wohl nicht wieder?“ – ging es mir durch den Kopf, doch ehe der Gedanke zu Ende gedacht war, stand sie schon ganz dicht vor mir, drehte sich blitzschnell mit dem Rücken zum Weg hin, sodass sie vor sich nur mich – ganz nah – und die Wiese (hinter mir) hatte. Noch einen Schritt auf mich zu, „Hautnah“, jetzt, wie man sagt, und schnell öffnete sie wieder nach beiden Seiten ihren Mantel, war darunter wieder splitternackt – ich muss sagen, heute gefiel sie mir schon ein wenig mehr – und wieder wie gestern: „Du wirst mir gehören, denn du wirst wieder kommen.“ Und mit hellem, lauten Lachen machte sie wieder den Mantel zu, drehte sich um und ging in ihrer Richtung davon. So ganz perplex wie gestern war ich diesmal nicht und hatte neben ihrer, für mich jetzt durchaus reizvollen Figur, mit den richtigen Rundungen an den richtigen Stellen, auch einen kleinen iPod-Kopfhörer in ihrem Ohr bemerkt. Ich sah ihr nach, wirklich amüsiert inzwischen. Und um ein Erhebliches fröhlicher setzte ich meinen Weg nach Hause fort. Da war doch was, könnte jeden Tag so sein, dachte ich bei mir. |